Der unvermeidbare Krieg
(Quelle:
St. Galler Tagblatt, 22. August 2009)
Am 1. September 1939 marschierten deutsche Truppen in Polen ein. Frankreich und Grossbritannien erklärten dem Deutschen Reich den Krieg. Der Friede war nicht zu retten. Die gegenläufigen Interessen der europäischen Mächte mündeten in einen neuen Krieg.
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Mit
dem Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg |
«Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen», erklärte Adolf Hitler in einer Reichstagsrede am 1. September 1939. Deutsche Truppen waren in Polen einmarschiert. Das «Zurückschiessen» war zwar inszeniert – als Polen verkleidete SS-Männer täuschten einen Überfall auf den deutschen Sender Gleiwitz vor –, aber bei allem Grössenwahn des «Führers»: Einen Zweiten Weltkrieg wollte er damit nicht entfesseln. «Der Krieg, den Hitler am 1. September 1939 begann, war nicht der Krieg, den er schon immer vorgehabt und geplant hatte», stellt der deutsch-britische Historiker Sebastian Haffner fest.
«Theater in zwölfter
Stunde»
Fast bis zur letzten Minute hatten die europäischen Mächte versucht, einen
Krieg zu verhindern. Hitler-Biograph Joachim Fest spricht von
«leidenschaftlichen Friedensbemühungen», einem «Theater in zwölfter Stunde,
reich an Scheindialogen, durchsichtiger Verwirrung und mitunter auch grotesken
Einlagen».
Dabei schien ein Krieg in Europa schon lange unvermeidbar. Für viele Historiker
ist der Zweite Weltkrieg denn auch die Fortsetzung des Ersten. Die
Zwischenkriegszeit diente demnach nur als Verschnaufpause und Vorbereitung auf
den nächsten Krieg. Denn die neue Weltordnung nach 1918 hatte die Probleme, die
1914 zum Krieg führten, nicht gelöst, sondern nur neue geschaffen.
Der Vertrag von Versailles von 1919 forderte von Deutschland Gebietsabtretungen
und Verzicht auf Kolonien, hohe Reparationszahlungen sowie eine
Entmilitarisierung. Diese Auflagen, eine grassierende Inflation und hohe
Arbeitslosigkeit schwächten die junge Weimarer Republik. In Deutschland wurde
lauthals der Abbau der Reparationen gefordert, die Wiederherstellung der
militärischen Souveränität sowie die Rückgewinnung der verlorenen Territorien.
Die Weltwirtschaftskrise, ausgelöst durch den Börsencrash von 1929 in den USA,
verschärfte die Lage in Europa. Sie führte zu Produktionsrückgang, Preisstürzen
und Massenarbeitslosigkeit. Verarmung und politische Radikalisierung waren die
Folgen. Die wirtschaftliche Lage war eine der Ursachen für die Erstarkung des
Nationalsozialismus und die Machtübernahme durch Hitler 1933. Ein ebenso
machtbesessener faschistischer Diktator, Benito Mussolini, herrschte seit 1922
in Italien. Das nationalsozialistische Deutschland ignorierte bald die Auflagen
des Versailler Vertrages. 1938 hatte Deutschland das Wirtschaftsniveau der
meisten europäischen Länder wieder erreicht oder sogar überflügelt.
Die Kriegsvorbereitungen begannen. «Von 1933 bis 1938 gab Deutschland etwa
dreimal so viel Geld für militärische Zwecke aus wie England oder Frankreich,
eineinhalb mal so viel wie die Sowjetunion und mehr als England, Frankreich und
die USA zusammen», schreibt der britische Historiker Robert A. C. Parker.
Zunächst sollte in Europa aber noch abgerüstet werden. Im Laufe der 20er- und
30er-Jahre wurde eine Reihe von Abrüstungsabkommen, Nichtangriffspakten und
Beistandsabkommen zwischen den europäischen Mächten geschlossen. Mit der
Gründung des Völkerbundes 1920, dem auch Deutschland von 1926 bis 1933 angehörte
(nicht aber die USA), hoffte man eine friedenserhaltende Institution zu
schaffen. Doch die Friedensbemühungen scheiterten an den Umständen.
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Demonstration in Berlin gegen den Vertrag von Versailles |
Keiner war für einen
Krieg gerüstet
Dennoch waren die europäischen Mächte – inklusive Deutschlands – 1939 noch
gar nicht auf einen Krieg vorbereitet. Das nationalsozialistische Deutschland
wollte zwar Nachbargebiete annektieren, war aber bei weitem nicht für einen
Krieg gegen die Sowjetunion gerüstet. Die Rote Armee war geschwächt durch die
stalinistischen Säuberungen, die weit in die Spitze der sowjetischen Militärs
reichten. Frankreich war militärisch vor allem defensiv gegen den Nachbarn
Deutschland ausgerichtet. Grossbritannien führte erst im Frühjahr 1939 die
allgemeine Wehrpflicht ein. Das Land musste seine Kolonien in Asien verteidigen.
Japan führte schon seit 1937 Krieg gegen China und hatte Hegemonialansprüche in
ganz Asien. «Tatsächlich fühlte sich im Sommer 1939 keine europäische Grossmacht
stark genug, um gegen eine andere Grossmacht offensiv vorzugehen», stellt der
deutsche Historiker Rolf Ahmann fest.
Diese Lage machten sich Europas faschistische Diktatoren zunutze. Von 1935 bis
1939 setzten sie ihre territorialen Interessen durch: Deutschland gliederte das
im Versailler Vertrag abgetrennte Saarland ins Deutsche Reich ein und besetzte
die entmilitarisierte Zone am Rhein. Österreich wurde ans Deutsche Reich
angeschlossen. Im «Münchner Abkommen» setzte Hitler die Abtrennung des
Sudetenlands durch und besetzte die Tschechoslowakei. Italien verleibte sich
Abessinien und Albanien ein.
Die Welt sah tatenlos zu. Der Völkerbund hatte keine Möglichkeiten, militärisch
einzugreifen und wirksame Sanktionen zu verhängen. Hitler provozierte die
europäischen Länder mit unerfüllbaren Forderungen und rechtfertigte dann mit
deren Verweigerung seine «berechtigten» Aktionen. So sollte es bald auch mit
Polen geschehen. Hitler verlangte die Rückgabe der Freien Stadt Danzig, die
unter Aufsicht des Völkerbundes stand, sowie einen exterritorialen Korridor, der
Deutschland über polnisches Gebiet mit dem vom Reich isolierten Ostpreussen
verbinden sollte. Polen lehnte dies ab, worauf Hitler den bereits geplanten
Einmarsch in Polen rechtfertigte: «Nachdem alle politischen Möglichkeiten
erschöpft sind, um auf friedlichem Wege eine für Deutschland unerträgliche Lage
an seiner Ostgrenze zu beseitigen, habe ich mich zur gewaltsamen Lösung
entschlossen.»
Bis dahin hatten die europäischen Mächte allen Aggressionen Nazideutschlands
hilflos zugesehen, weil sie keinen Krieg provozieren wollten, für den sie nicht
gerüstet waren. Dennoch wurde in Europa Krieg geführt: Der Spanische
Bürgerkrieg, der 1936 bis 1939 zwischen der demokratisch gewählten
Volksfrontregierung und den faschistischen Putschisten unter General Franco
ausgetragen wurde, war die Generalprobe für den Weltkrieg. Deutschland und
Italien sandten Truppen zur Unterstützung Francos. Die französische
Volksfrontregierung unterstützte ihren Gegenpart in Spanien, die Sowjetunion
beteiligte sich mit der Organisierung und Unterstützung der Internationalen
Brigaden. Grossbritannien verhielt sich weitgehend neutral.
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Münchner Abkommen 1938: Friede gerettet, Tschechoslowakei geopfert |
Der Pakt der Diktatoren
In diesem Umfeld stiessen die Interessen der Mächte aufeinander.
Grossbritannien versuchte noch bis kurz vor Kriegsausbruch Hitler zu
beschwichtigen und von Gewalt abzuhalten. Es wurden immer wieder weitgehende
Zugeständnisse gemacht, wie etwa mit dem Münchner Abkommen, mit dem der Friede
gerettet werden sollte, aber die Tschechoslowakei geopfert wurde. Für Polen aber
hatte Grossbritannien ebenso wie Frankreich im März 1939 eine Garantieerklärung
abgegeben. Frankreich fürchtete das wiedererstarkte Deutschland, wollte ihm
Einhalt gebieten, wusste aber, dass ein Krieg gegen Deutschland nicht zu
gewinnen war.
«Den Schlüssel für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges» sieht Haffner in der
Erklärung Hitlers an den Völkerbundskommissar in Danzig, den Schweizer Karl J.
Burckhardt, vom 11. August 1939: «Alles, was ich unternehme, ist gegen Russland
gerichtet; wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, um dies zu begreifen, werde
ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu schlagen
und dann nach seiner Niederlage mich mit meinen versammelten Kräften gegen die
Sowjetunion zu wenden.»
Stalin hielt einen Krieg unter den kapitalistischen Ländern für unvermeidlich.
Er suchte ein Bündnis mit Frankreich und Grossbritannien – was scheiterte.
Hitler musste auf andere Weise in Schach gehalten werden. Das Ergebnis war der
Hitler-Stalin-Pakt, schnell und überraschend geschlossen und unterzeichnet am
23. August 1939. Der Nichtangriffspakt mit Geheimprotokollen zur Aufteilung
Polens gab den Diktatoren eine Verschnaufpause, in der sie den Krieg
gegeneinander vorbereiten konnten. Der sowjetische Aussenminister Molotow sprach
am 31. August 1939 von einem «Wendepunkt in der Geschichte Europas und nicht nur
Europas allein». Bertolt Brecht aber prophezeite: «Die Regierungen schreiben
Nichtangriffspakte. Kleiner Mann schreibe Dein Testament.»
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23. August 1939: In Moskau wird der Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnet |